Monika Mengel, 68 Jahre, ehemals Flying Lesbians-Bandfrau sowie Presse- und Hörfunkjournalistin schreibt den LFT-Orga-Frauen einen deutlichen Brief zu deren *Okupation des LFT.

Liebe Kölner LFTs,

hiermit sage ich meinen Workshop „Nationalität lesbisch…“ ab. Ich habe sehr damit gerungen, kann aber Eure aktuellen Entscheidungen, die Ihr auf der Website verkündet, nicht akzeptieren.

Für meine zweite Veranstaltung: „Soundtrack der wilden Jahre“ über die Flying Lesbians plane ich – in Abstimmung mit Danielle De Baat – vor Beginn eine persönliche Erklärung abzugeben. Ich möchte bei den Teilnehmerinnen nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass wir die Nostalgie bedienen, während beim LFT die Hütte brennt. Wir waren vor 45 Jahren eine Politband und noch immer schlägt unser Herz radikal lesbisch.

Zum ersten Grund meiner Absage: Ich halte Eure Entscheidung, die Altersgrenze für männliche Kinder zu streichen für falsch und fatal. Das LFT ist kein Initiations- Fest für pubertierende Jungen. Die Altersgrenze war immer ein wichtiger Bestandteil lesbisch-feministischer Politik und Ihr setzt Euch einfach darüber hinweg. Warum? Ganz nebenbei gesagt haben viele lesbische Mütter solche Treffen ohne ihre Jungen immer sehr genossen. Aber statt sie zu entlasten bürdet Ihr ihnen auch noch die Pflicht auf, ihre Pubertiere ständig im Auge zu behalten. Ihr schreibt auf der Website: „Wir bitten euch als Mütter* für Eure Kinder in Bezug auf Nacktheit und unbedachte oder herabwürdigende Äußerungen Sorge zu tragen. Damit tragt Ihr Verantwortung, dass die Grenzen anderer Besucherinnen* respektiert werden. Vielen Dank Euch!“ Diese Aufforderung finde ich ziemlich unverschämt. Als Mutter würde mich das total aufbringen. Außerdem programmiert Ihr durch Eure neue Regelung Streit zwischen Müttern und Nichtmüttern.

Der zweite Grund, ist gravierender für mich. „Werden Lesben unsichtbar (gemacht)?“, so heißt der Workshop von Trude und Sylvia, der nun nicht mehr im Programm zu finden ist. Als er von Euch „vorübergehend“ gestrichen worden ist, habe ich spontan schriftlich gegen diese Form der Zensur protestiert. Dann habe ich mit Yvonne gesprochen und in etwa verstanden, wo es hakt. Mit Trude bin ich dann einige missverständliche Textstellen durchgegangen. Die von Sylvia und Trude überarbeitete Fassung finde ich – auch als professionelle Journalistin – völlig in Ordnung.

Dass Ihr nun wiederum auch diesen Ankündigungstext (und wohl auch den Workshop) nicht angenommen habt, lässt mich an Eurer Gutwilligkeit zweifeln. Euer Satz auf der Website: „Das Thema (verschwindende) lesbische Sichtbarkeit soll auf dem LFT einen prominenten Platz bekommen,“ kommt für mich jetzt ziemlich scheinheilig rüber. Deshalb kehre ich zu meinem ursprünglichen Vorwurf an Euch zurück: ihr übt Zensur aus! Nur mal zur Erinnerung: wir feiern 70 Jahre Grundgesetz, 70 Jahre Meinungs- und Pressefreiheit. Und einfach einen Workshop aus dem Programm zu nehmen, hat gar nichts mit den demokratischen Regeln zu tun, für die ja auch das LFT steht. Ich kenne keinen vergleichbaren Fall. Kurz gesagt: wer hat Euch dazu legitimiert?

Deshalb ziehe ich meinen Workshop zurück, werde mich aber in anderen LFT-Veranstaltungen entsprechend einbringen. Den Raum, der für meinen Workshop gedacht war, übergebe ich hiermit als „Frei-Raum“ an Trude und Sylvia.

Ich war schon in Göttingen gegen das von Euch postulierte „Sternchen-Experiment“. Eure deutlich ausgesprochene Öffnung für alle Personen sehe ich als klare Einladung an Trans- und Queer-Aktivisten sich in Lesbenpolitik einzumischen. Wohlgemerkt, ich meine die Politaktivisten, nicht die wenigen Trans-Menschen, die schon immer vereinzelt auf den vergangenen LFT waren. Durch Eure Weigerung Trudes und Sylvias Workshop ins Programm zu nehmen, entsteht der Eindruck, dass Lesben, die sich kritisch zu Trans und Queer positionieren – darunter viele Wen do-Frauen – ein Maulkorb verpasst werden soll.

Es ist ein bisschen wie bei Goethes Zauberlehrling. Die Geister, die Ihr rieft, werdet Ihr nun augenscheinlich nicht mehr los. Wieviel Anpassung an queere Denkstrukturen sollen wir denn Eurer Meinung nach leisten? Sollen wir uns den Begriff „Cis-Frau“ freiwillig zu Eigen machen? Und was soll eigentlich der in sich sprachlich völlig paradoxe Begriff von „als Frauen geborene Frauen.“ Klingt albern und biologistisch. Keine Frau wird als Frau geboren. Wir werden dazu gemacht. (Siehe Ursula Scheu). Ich bin zum Beispiel eine Lesbe, die als Mädchen sozialisiert wurde und sich aus dieser patriarchalen Zurichtung befreit hat. Dank der Lesben- und Frauenbewegung.

Ich frage Euch im Ernst: wer sitzt Euch im Nacken? Wer übt solch einen immensen Druck auf Euch aus? Ihr sprecht auf der Website von „einigen“, die sich vom Ausschreibungstext diskriminiert fühlten. Macht es doch transparent. Wer ist das? Sind es Geldgeber, sind es Privatpersonen, Trans-Lobbyisten, das Rubicon? Warum gebt Ihr diesem Druck nach? Warum holt Ihr Euch keine Hilfe in der Lesben Community oder wollt Ihr das gar nicht? Ihr riskiert, dass Euch und uns das LFT um die Ohren fliegt.

Dafür haben wir das erste Lesben(Pfingst)frühlingstreffen damals in Berlin nicht erfunden, dass wir uns heute auf unserem ureigenen Terrain für unsere feministisch, lesbischen Positionen rechtfertigen müssten.

Ich gehe davon aus, dass Ihr Euch an Pfingsten auf heftige Diskussionen gefasst machen müsst.

Mit immer noch solidarischen, lesbischen Grüßen

Monika Mengel

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Monika Mengel